Nicole zurück

Akkordeon

Meine erste Begegnung mit dem Akkordeon war faszinierend und frustrierend zugleich. Ich war fünf, hörte ein Akkordeon und entschied: „das ist mein Instrument“. Ich erzählte das zuhause und bekam zu hören: „Dafür bist zu viel zu klein“ und musste erst Glockenspiel und dann Blockflöte lernen.

Kurz darauf eilte mir der Zufall zu Hilfe. Im Bekanntenkreis wurde ein Kinderakkordeon verkauft. Das hörte ich und da war es wieder das Feuer für das Akkordeon. Tragen konnte ich es tatsächlich nicht aber ich konnte im Sitzen gerade so drüber schauen und das reichte mir. Mein erster Lehrer hieß Herr Müll, mein erstes Stück war Summ Summ Summ – das sagt alles. Je älter ich wurde umso mehr dämmerte mir, was für ein peinliches Instrument ich mir da ausgesucht hatte. Schifferklavier und Schunkelmusik. Jetzt fand ich mein Instrument mächtig uncool. Mein Bruder im Nebenzimmer spielte E-Gitarre und hörte Anthrax, Sepultura, Metallica – und ich hatte so ein komisches Gefühl, dass da etwas nicht zusammen passt mit mir und der Musik, die ich spielen sollte.

Ich startete meine Karriere im Akkordeonorchester und bei Akkordeonwettbewerben. Ich hasste es, vor allem weil mir dabei meine heißgeliebten Chucks als Auftrittskleidung verboten wurden. Aber Dank mangelnder musikalischer und anderer Freizeitmöglichkeiten im schwäbischen Dorf blieb nichts anderes. Meinen stillen Protest über die verbotenen Chucks drückte ich durch immer wieder neue Haarfarben auf der Dorfbühne aus und nölte bei jeder Gelegenheit. Ich hatte einen Lehrer, der das über Jahre netterweise ertrug und letztlich rettete mich das Akkordeon durchs Abitur, weil ich Musik als Hauptfach nehmen konnte und mit meinem Akkordeon in die Abiprüfung ging.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich endlich einen Führerschein und ein Auto, so dass sich mein Radius erweiterte. Ich spielte kurz in einer Irish Folk Band in Stuttgart, entschied mich dann der schwäbischen Provinz komplett zu trotzen und tingelte durch die Weltgeschichte. Ich lebte einige Zeit in Schottland und dann in Irland. Ich war so fasziniert von der großen weiten Welt, dass ich vergaß Musik zu machen. Irgendwann hatte ich keine Kohle für die Miete, und wieder rettete mich das Akkordeon. Ich verkaufte es und bezahlte meine Wohnung. Als ich dann mal so einen festen Job hatte und mich langweilte, trat das Akkordeon wieder in mein Leben. Ich machte nen Workshop und entdeckte da tolle neue Musik fürs Akkordeon und war plötzlich wieder motiviert, war aber konstant auf der Suche nach einer passenden Band oder Mitmusikern.

Eine Wende brachte dann der Besuch meines ersten Cromdale Konzertes, da dachte ich: so Musik will ich auch mal gerne machen und stand einige Male wild und ehrfürchtig tanzend vor der Bühne und da war es dieses Gefühl, dass das die richtige Musik für mich und mein Akkordeon ist. Als ich mit Benedikt auf nem Konzert war und er mir erzählte, dass ich zum Vorspielen vorbei kommen kann war ich perplex, freute mich riesig, war mächtig aufgeregt, konnte es gar nicht glauben – während der Vorspielzeit zog ich gerade um, aber selbst Umzugskisten und Farbeimer konnten mich nicht mehr aufhalten. Und hier bin ich!